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Business Stories: Ernest Engineer … und Sella Case

In meinem letzten Blogbeitrag ging’s um das Thema Business Stories. Im Grunde habe ich dort nicht viel mehr getan, als Ihnen eine Geschichte zu erzählen – Die Geschichte der schwimmenden Schweine. Sie erinnern sich. Ach was, Sie nicht? Na, dann haben Sie den Beitrag nicht gelesen, denn diese Geschichte vergisst man nicht so schnell. Klicken Sie HIER, um das Versäumte nachzuholen …

Aber Sie erinnern sich. Die schwimmenden Schweine von Big Major Cay, auch Pig Island genannt. Da klingelt was, gell? … Dachte ich mir’s doch. Die Geschichte ist merkwürdig, schön, aber warum, um Himmelswillen, überhaupt Geschichten erzählen? Auf einem Kunstfestival auf Coney Island in Cincinnati, Ohio, okay, aber in einem seriösen Unternehmen – Ihrem Unternehmen? Aber ja, es funktioniert … Dazu eine Geschichte, die muss ich Ihnen einfach erzählen…

Jim Bangel und Earnest Engineer

Paul Smith erzählt die Geschichte der schwimmenden Schweine in einem Podcast und in der Einleitung zu seinem Buch „Sell With A Story“. In einem anderen Buch, „Lead With A Story“, erzählt Smith die Geschichte des Procter & Gamble-Angestellten Jim Bangel. Smith arbeitete früher selbst bei diesem Unternehmen, die Geschichte dürfte also stimmen.

Bangel, ein Mathematiker, der inzwischen im Ruhestand ist, arbeitete im Forschungs- und Entwicklungs-Bereich von Procter & Gamble. Wie alle anderen F&E-Angestellten auch, schrieb er jeden Monat ein Memo an seinen Chef, in dem er die Ergebnisse der letzten dreißig Tage beschrieb. Diese Memos sind für gewöhnlich trocken, langweilig und mit Fachausdrücken gespickt. Eines Tages entschied Jim Bangel, etwas Neues auszuprobieren. Er dachte sich eine Geschichte aus. Seinen Protagonisten nannte er Earnest Engineer.

Dieses neuartige Memo enthielt verschiedene Dialoge: Earnest Engineer und sein Chef, Earnest Engineer und Kollege A, Earnest Engineer und Kollege B und so weiter. Der Leser erfuhr in diesem dialogisch aufgebauten Memo, was Mr. Engineer im letzten Monat so alles in seiner Forschungs- und Entwicklungs-Abteilung getan und gelernt hatte. Dies stimmte, nicht zufällig, mit dem überein, was Jim Bangel in seiner Arbeitszeit geleistet hatte.

Ed Zecutive, Max Profit und Sella Case

Bangels Geschichten verbreiteten sich rasch. Auch Kollegen außerhalb des F&E-Bereichs baten um Kopien. Nach einer Weile fügte Bangel weitere Charaktere hinzu: Ed Zecutive, den CEO, Max Profit, den CFO und Sella Case, die Vertriebsdirektorin.

Bangels monatliche Geschichten wurden immer beliebter. Nach fünf Jahren erfolgreichen Geschichtenerzählens wurde Jim Bangel schließlich zum offiziellen „Corporate Storyteller“ von Procter & Gamble ernannt. Bis 2010, als er in Rente ging, wurden seine monatlichen Geschichten von 5.000 bis 10.000 Mitarbeitern gelesen. Gelegentlich forderte der CEO Jim Bangel auf, etwas zu einem bestimmten Thema zu schreiben. Weil er wusste, dass die Leute, darunter viele Führungskräfte, Jims Geschichten lasen. Paul Smith abschließend über den ersten „Corporate Storyteller“ von P&G:

This statistician had arguably become the single most influential person at P&G. All because one day Jim decided not to write a research report, and instead, wrote a story.“ (Paul Smith, „Lead With A Story“, 2012, S. 10 f.)

Geschichte versus „Research Report“

Der Mathematiker Bangel schrieb zunächst Memos wie die anderen F&E-Mitarbeiter auch: trockene Forschungsberichte, bei deren Lektüre einem die Füße einschlafen: „… detailed and filled with the kind of language only a fellow chemist or engineer would appreciate or even understand.“ (Ebd., S. 10).

Die Geschichten, die sich Bangel schließlich ausdachte, waren nicht weniger informativ als seine klassischen Memos. Aber sie waren leicht verständlich, konkret, anschaulich, lustig, kurzweilig, originell. Ein weiterer Punkt: Geschichten werden, im Unterschied zu Forschungsberichten oder Powerpoint-Präsentationen, weitererzählt – jedenfalls dann, wenn sie gut sind. Eine Sales Story z. B. kann für einen Account-Manager deshalb Gold wert sein. Craig Wortmann in seinem Buch „What’s Your Story?“:

„Salespeople are rarely able to reach all of the decision makers at once. This is where stories are also useful, because they more readily spread from client to client.“ (Craig Wortmann, „What’s Your Story?“, 2006, S. 176.)

Geschichten haben also eine ganze Reihe von positiven Eigenschaften. Eine weitere: Sie lassen sich leicht merken. Und das gilt für Daten und Fakten, die in Bullet-Point-Form dargeboten werden, nicht.

Dem Psychologen Jerome Bruner zufolge lassen sich Fakten zwanzigmal leichter merken, wenn sie Bestandteil einer Geschichte sind. Jedenfalls wird das in vielen Storytelling-Blogbeiträgen behauptet. In manchen Beiträgen wird Bruner auch zugeschrieben, dass sich Fakten, wenn in eine Geschichte verpackt, zweiundzwanzigmal leichter merken lassen. Eine exakte Quelle wird leider nie angegeben. Selbst wenn Bruner dieses Forschungsergebnis irgendwo publiziert hat, ist das kein Beleg für seine Richtigkeit.

Wissenschaft ist grundsätzlich eine prima Sache, aber für die Mehrzahl der Ergebnisse gilt, was auch für viele Wikipedia-Einträge gilt: Sie sind zumindest in Teilen unzutreffend. Vielleicht ist „zwanzigmal leichter“ also übertrieben. Aber auch der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass wir uns Geschichten merklich besser merken können als z. B. Powerpoint-Slides. Oder können Sie sich noch an die letzte wichtige Powerpoint-Folie erinnern, die Sie gesehen haben? … Ich auch nicht. Aber die Geschichte der schwimmenden Schweine oder die Earnest-Engineer-Story werde ich so schnell nicht vergessen, soviel steht fest.

Fazit

Als kurzes Fazit ein Satz des Kognitionswissenschaftlers Roger C. Schank:

Humans are not ideally set up to understand logic; they are ideally set up to understand stories.“


QUELLE DES BEITRAGSBILDS:
https://images.nasa.gov/#/details-0203047.html