Domänenverlust in Marketing und PR
18. July 2007, 09:44 Uhr von Torsten HerrmannIn PR und Marketing neigen ja viele dazu, alles mit technischen Fremdwörtern und Anglizismen zu durchsetzen. Ich bin davon auch nicht frei, bemühe mich aber redlich.
Nun habe ich bei Konrad Paul Liessmann in seinem Buch Theorie der Unbildung einige Gedanken über die Wissenschaftssprache gelesen, die für PR und Marketing für Technologiethemen nicht weniger richtig sein sollten. Aber das gilt auch darüber hinaus, wie mir auffiel, als mein eigener Bruder, der als Supply Chain-Berater bei einem internationalen Nahrungsmittelkonzern arbeitet, am letzten Wochenende in größerer, internationaler Runde Englisch mit mir sprach – ohne dass irgendwer auch nur hätte zuhören können.
“Man muss die rasche Etablierung des Englischen als alleinige Wissenschaftssprache ja nicht gleich als puren Sprachimperialismus diskreditieren – bei allem Wettbewerbsvorteil den native speakers gegenüber jenen haben, die diese Sprache erst erwerben müssen, sind die Erleichterung in der Kommunikation unübersehbar -, aber man soll auch nicht die Augen davor verschließen, daß in dem Maße, in dem nationale Sprachen aufhören, auch Wissenschaftssprachen zu sein, genau jenes Motiv außer Kraft gesetzt wird, das in und durch die Aufklärung dazu geführt hatte, die einstige Wissenschaftssprache Latein durch die Volkssprachen zu ersetzen.” (Seite 132, Kursivsetzung im Original)
Und weiter:
“Jenseits der unbestreitbaren Vorteile, die diese Entwicklung für die Scientific community bringt, bedeutet dies, daß die anderen europäischen Sprachen sukzessive die Kompetenz verlieren, die zentralen Bereiche der modernen Gesellschaft – Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Recht – auch nur terminologisch angemessen auszudrücken und dies nicht, weil sie dafür keine Worte hätten, sondern weil diese programmatisch verdrängt oder nicht mehr entwickelt werden. Die Sprachwissenschaft bezeichnet dieses Phänomen als ‘Domänenverlust‘ einer Sprache und definiert diesen als ‘Verlust der eigenen Kommunikationsfähigkeit in der eigenen Sprache auf allen Ebenen eines Wissensgebietes wegen fehlender Weiterentwicklung der erforderlichen fachsprachlichen Mittel.’”(Seite 133, Kursivsetzung im Original, Fettsetzung von mir)
Das Zitat im letzten Zitat stammt aus einem Positionspapier (pdf) des “Rates für Deutschsprachige Terminologie” aus dem Jahr 2004.
Ich glaube, es lohnt sich darüber nachzudenken und sich zu bemühen. Ob diese Entwicklung aufgehalten werden kann (und sollte), weiß ich nicht.





















25. July 2007 um 16:14 Uhr
[...] In der Medizin kann die übermäßige Verwendung von Fachbegriffen noch zu weit schwerwiegenderen Folgen führen, als ich es in dem Beitrag “Domänenverlust in Marketing und PR” beschrieben habe: Spiegel Online schreibt unter dem Titel “Fachchinesisch tötet” über eine Studie, wonach Patienten, die den Arzt oder die Beipackzettel nicht verstehen, wesentlich früher sterben. man bezeichnet das Phänomen als “Medizinischen Analphabetismus”. [...]