Gelesen: David E. Nye – Technology Matters
08. October 2007, 18:59 Uhr von Torsten HerrmannIch gehöre zu den Menschen, die viele Bücher und Zeitschriften- oder Online-Beiträge über einzelne Technologien lesen. Hinzu kommt, dass ich auf zahlreiche Wege selbst über Technologien kommuniziere: Ich entwickle Kommunikationskonzepte oder schreibe Beiträge über die technologischen Produkte oder Dienstleistungen meiner Kunden und in diesem Blog auch manchmal darüber hinaus. Eine Sichtweise wird dabei – das ist fast eine Konsequenz von PR- und Marketingkommunikation – ausgespart: Der Blick auf Technologie an sich.
David E. Nye nimmt als Historiker diese andere, grundlegende Perspektive ein, die das Verhältnis zwischen Mensch und Technologie hinterfragt. Sein Buch Technology Matters, das im September 2007 auch in einer deutschen Übersetzung
erschienen ist, fragt danach, was Technologie ist, wie der Mensch Technologien nutzt, wie das Verhältnis zwischen Technologie und Natur ist und ob Technologien das Leben sicherer oder riskanter machen. Die Technologie-Beispiele stammen aus den Bereichen IT, Automobil, Eisenbahn, Luftfahrt, Militärtechnik etc. David E. Nye verbindet dazu zahlreiche Quellen insbesondere aus den Bereichen Philosophie (z. B. Jürgen Habermas, Max Horkheimer und allen voran Martin Heidegger) und Literatur (Rainer Maria Rilke, Max Frisch). Ich weiß nicht, woher der starke deutsche Einfluss auf sein Werk herkommt. Neben den typischen Utopien von Thomas Morus, Aldous Huxley und George Orwell machte er mich mit der Kurzgeschichte “The Machine Stops” von E.M. Forster aus dem Jahr 1909 bekannt: In dieser leben Menschen in uniformen Räumen, sie unterhalten sich über ein elektrisches System und vermeiden den direkten Kontakt mit anderen Menschen oder der Außenwelt. Das klingt alles schon sehr nach den heute üblichen Horrorszenarien bezüglich des Internets.
Die für mich stärkste Erkenntnis aus dem Buch betrifft die Frage, ob Technologie die Welt uniformer oder unterschiedlicher macht.
“Since technologies are not deterministic, it follows that people can use them for many ends. For much of the nineteenth and the twentieth century, sociologists and historians assumed that the machine could only lead to a crushing homogeneity. But in practice, people have often used technologies to create differences. Consumers generally prefer variety. Even a manufacturer bent on absulte uniformity, such as Henry Ford, eventually had to give in to the public’s demand for a range of models and options. Likewise, homeowners proved adept at transforming Levittown’s rows of identical, mass-produced homes into variegated neighborhoods. Differences triumphed over uniformity.”
Levittown ist übrigens eine riesiger Ort mit identischen, industriell gefertigten Häusern. Inzwischen aber wurden sie – vielleicht vergleichbar mit den Siedlerhäusern der Ostflüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg – von den Eigentümern durch zahlreiche Anbauten und Umbauten individualisiert. Die ursprüngliche Einheitlichkeit ist angeblich kaum mehr erkennbar.
Der kurze Abschnitt zeigt meines Erachtens auch die schöne englische Sprache des Autoren. Amerikanische Marketingliteratur übt sich da meist in wesentlich einfacherer Sprache. Mir fällt dies auf, da mir eine befreundete Sprachwissenschaftlerin kürzlich erklärte, dass es ein Fehler sei zu denken, dass Englisch eine einfache Sprache sei. Gutes Englisch sei so schwierig wie Deutsch.
Alles in allem ein spannendes Buch, dass jemanden, der sich kontinuierlich mit Technologien beschäftigt, mal zurück lehnen und nachdenken lässt über all das, was wir tagtäglich so lesen und kommunizieren.





















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