Quantcast
AGENTUR SOFTWARE DOWNLOADS BLOG GLOSSAR ENGLISH KONTAKT
 

Gelesen: Wolf Lotter – Verschwendung

29. June 2006, 17:09 Uhr von Torsten Herrmann

Wolf Lotter - Verschwendung

Amazon-Link: Wolf Lotter: Verschwendung – Wirtschaft braucht óberfluss

Wer wie ich als erstes in der Brand eins immer den Leitartikel von Wolf Lotter liest, wird sicher ohnehin das Buch kaufen. Jeder andere wird vielleicht verwundert sein. “Verschwendung”, so der Buchtitel, irgendwie klingt das moralisch falsch. Zudem herrscht heute eher eine Spar- und “Geiz ist geil”-Mentalität vor, in der Verschwendung keinen Platz hat. Warum das nicht so ist bzw. sein sollte, wird einem spätestens klar, wenn man Lotters Unterscheidung zwischen Verschwendung und Vergeudung gelesen hat. Diesen Unterschied hatte ich persönlich vorher noch nicht so klar gesehen.

Laut Wolf Lotter, Wirtschaftsjournalist und Mitbegründer von brand eins, entspricht Verschwendung dem menschlichen Naturell und der wirtschaftlichen Realität. Verschwendung sei gut, produktiv, erfinderisch und natürlich. Der für mich entscheidende Dreh war der Verweis auf die Natur: Seit Milliarden von Jahren handelt die Evolution verschwenderisch. Der Mensch ist das Produkt dieser natürlichen Vielfalt. Märkte funktionieren von jeher auf der Basis eines verschwenderischen Angebots und einer vielfältigen Nachfrage. Ein Einheitssortiment zum Einheitspreis ist bloß der Traum aller Einfältigen, die Gesellschaft und Wirtschaft mit ihrem Sparwahn überziehen. Wer verschwendet, nützt anderen – tut also nicht nur sich selbst etwas Gutes. Wolf Lotter erteilt den Geizhälsen, Neidern, Sparaposteln und Kostendrückern eine klare Absage. Er feiert die grandiosen Verschwender, die spendablen Gönner und alle, die fröhlich nach der Devise leben: Leben und leben lassen. Oder anders gesagt: Genug kann nie genügen.

Laut Lotter ist Verschwendung gut, da sie den Boden für Innovationen bereite und produktiv sei. Der Mensch will aus dem Vollen schöpfen, Kultur sei nie auf Knappheit oder Verzicht ausgerichtet und die Wirtschaft braucht den óberfluss, um Produkte zu schaffen. Verschwendung ist unerlässlich für eine funktionierende Marktwirtschaft, denn nur sie sorgt dafür, dass investiert und das Rädchen am Laufen gehalten wird, das heißt Arbeitsplätze geschaffen und Produkte hergestellt werden. Geiz und Sparsamkeit wirken wie eine Zwangsjacke, während Vielfalt und Verschwendung für Befreiung sorgen.

Mit Verschwendung meint Wolf Lotter nicht Vergeudung. Für ihn bedeutet vergeuden, dass nichts Neues entsteht, verbraucht wird. Bei der Verschwendung hingegen wird aus dem Vollen geschöpft, bedeutet Risiko und der Mut zu etwas Neuem. Verschwendung sei die treibende Kraft hinter dem Kapitalismus als einem Wirtschaftssystem, das sich neu erfinde, Neues schaffe und das Alte abstreifen könne.

Wohltuend sind auch Lotters Ausführungen zur Komplexität. Während gerade Unternehmensberater immer wieder von Komplexitätsreduktion reden, sieht Lotter das als überkommene Denkweise aus der Zeit der Industrialisierung, die immer noch stark vorherrsche. Vielmehr gelte es die Komplexitätweitgehend zu beherrschen, sich auf sie einzustellen und damit zu leben. Verschwendung ist somit immer auch eine Folge der Komplexität, einfach weil wir diese nicht vollständig beherrschen können.

Ein großartiges Buch, das sich fundamental von anderen Wirtschaftsbüchern unterscheidet und vermutlich auch keins ist. Nur die Struktur des Buchs wirkte auf mich verwirrend, aber so ist das vielleicht, wenn es komplex wird. Egal, versöhnt wurde ich von dem schönen quadratischen Kunstbuchformat und natürlich dem Inhalt.


Kommentar posten