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Service-Dominant Logic: Die Grundidee (Teil 1)

16. February 2010, 17:30 Uhr von Torsten Herrmann

Seit geraumer Zeit beschäftige ich mich mit der Service-dominant Logic von Stephan Vargo und Robert F. Lusch. Ich bin davon überzeugt, dass die Überlegungen der SD-Logic dazu beitragen werden, dass und wie sich Marketing weiterentwickelt. Zumindest meine Vorstellung von Marketing. Mich interessiert vor allem die Inbound-Marketing-Perspektive (Social-Media, Pressearbeit, Content auf der Website), d. h. wie finden potentielle Kunden zu einem Anbieter, wie baut man eine Beziehung zu ihnen auf und begleitet sie während der Entscheidungsfindung und weniger die Outbound-Marketing-Perspektive (Werbung, Direktmarketing, Cold-Calling), bei der der Anbieter den potentiellen Kunde anspricht und immer wieder mit Unterbrecher-Maßnahmen auf sich aufmerksam macht.

Ebenfalls seit geraumer Zeit schreibe ich an einem Whitepaper zu dem Thema, das leider noch nich fertig ist. Also beginne ich nun die einzelnen Teile des Whitepapers schon mal als Beiträge im Blog zu präsentieren. Das ist alles noch nicht final und wird sich bis zum vollständigen Whitepaper noch ein wenig ändern. Ich würde mich freuen, wenn der eine oder andere Wissenschaftler zu dem Thema hierherfindet und sich an einer Diskussion beteiligt. Das Material zum Thema ist zum einen sehr groß, zum anderen im Fluss. Manche Details wurden im Laufe der Jahre verändert und immer neue Gedanken kommen hinzu. Gerne stelle ich dieses Blog auch denjeniger zur Verfügung, die sich wissenschaftlich zu mit der SD-Logic beschäftigen und hier eigene Beiträge publizieren möchten.

Die Grundidee der Service-dominant Logic

Die Wirtschaftswissenschaften unterscheiden seit Adam Smiths Standardwerk „The Wealth of Nations“ Güter von Dienstleistungen. Smith selbst spricht sogar von produktiver und unproduktiver Arbeit. Nur Güter standen im Zentrum der Aufmerksamkeit und Dienstleistungen wurden gezwungenermaßen mitbetrachtet. Zu seiner Zeit war dies vollkommen vernünftig: Der Wohlstand Englands hing am transnationalen Austausch von Gütern. Dienstleistungen, die es damals natürlich schon gab, waren hingegen nicht greifbar und nicht exportierbar, so dass er sie als „unproduktive Arbeit“ sah. Die wirtschaftliche Entwicklung fußte dementsprechend auf der (industriellen) Produktion von handelbaren Gütern. Aber auch wenn sich künftige Generationen mit der Bezeichnung als unproduktive Arbeit schwer taten und tun, blieb doch das Konzept eines bei der Produktion eingebetteten Nutzens bestehen.

Mit der Zeit musste man jedoch feststellen, dass die industrielle Produktion von Gütern in den Industrieländern einen immer kleineren Anteil am Bruttosozialprodukt einnimmt. Heutzutage liegt der Anteil des Dienstleistungssektors (inklusive Staat) eines Industrielandes bei ca. 70-80 Prozent, während die Industrie ca. 15-25 Prozent und die Landwirtschaft etwa 5 Prozent zum Bruttosozialprodukt beitragen. Bei den Beschäftigtenzahlen sehen die Verhältnisse ähnlich aus. Eine Änderung ergab sich erst ab ca. den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem rasanten Wachstum des IT-Sektors. In den Schwellenländern wie Indien und China lassen sich diese Verschiebungen aktuell beobachten: Diese leben zunehmend von Dienstleistungen und China definiert sogar in seinem 5-Jahresplan das Ziel des Übergangs zur modernen Dienstleistungsgesellschaft.

Trotz der wachsenden Bedeutung von Dienstleistungen funktionierte die Weltsicht weiterhin über Güter bzw. Produkte. Dienstleistungen blieben sozusagen Nicht-Güter und zum einen von der Produktsicht ausgehend definiert als nicht anfassbar, verschiedenartig/heterogen, unteilbar und vergänglich. Güter werden vom Produzenten im Allgemeinen ohne Einflussnahme des Kunden erstellt und allgemein angeboten. Der Produzent und der Kunde müssen sich niemals kennen lernen und niemals an einem Ort sein. Bei Dienstleistungen funktioniert diese Unterscheidung nicht so leicht. Der Kunde muss sagen, was er gerne erledigt haben möchte. Häufig findet die Erbringung der Leistung sogar vor Ort beim Kunden oder in seiner Anwensenheit statt.

Zudem werden Dienstleistungen immer häufiger als Add-on zu Produkten begriffen, die den Wert des Gutes erhöhen bzw. überhaupt erst ermöglichen (z. B. durch Anpassung, Installation, Konfiguration). In bestimmten Branchen war ein Produkt ohne Dienstleistung praktisch wertlos. Große IT-Investitionen wie z. B. Enterprise-Resource-Planning-Software sind ohne die Installation und Konfiguration schlicht nicht nutzbar. Dementsprechend wechselte das Verständnis zunehmend hin zu einer Leistung, die aus Produkten und Dienstleistungen besteht.

Auch im Marketing wurde die wachsende Relevanz von Dienstleistungen anerkannt, ohne ihnen jedoch gerecht zu werden. In den Anfangsjahren kümmerte sich Marketing ausschließlich um den Austausch von materiellen Gütern. Alles war von einem Produkt aus gedacht. Dienstleistungen spielten keine Rolle. In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde Dienstleistungsmarketing als Disziplin eingeführt. Allerdings änderte sich die Logik dahinter nicht. Um die Jahrtausendwende jedoch wurde diese Güter-dominierte Logik zunehmend in der Wissenschaft hinterfragt.

2004 erschütterte ein Beitrag der beiden Professoren Stephen A. Vargo und Robert F. Lusch mit dem Titel „Evolving to a New Dominant Logic for Marketing“ im Journal of Marketing die internationale Fachwelt. Dieser stellte eine neue Denkweise für das Marketing vor: Die Service-dominant Logic oder S-D-Logik. Die Autoren sind – so gewagt das auch klingen mag – davon überzeugt, dass die bisherige Weltsicht in den Wirtschaftswissenschaften schlicht falsch ist. Für das Marketing ist dies – da scheue ich das große Wort nicht – ein Paradigmenwechsel. Die Güter-dominierte Logik wird in den kommenden Jahren von der Service-dominierten Logik abgelöst.

Quellen habe ich in dem Beitrag weggelassen. Grundsätzlich findet man das meiste in den Aufsätzen, die die beiden Professoren auf ihrer gemeinsamen Website publizieren. Dort findet sich auch der neueste Beitrag aus der Marketing Review St. Gallen (Service-Dominant Logic – A Guiding Framework for Inbound Marketing), in der auch mein Beitrag über B2B-Inbound-Marketing erschienen ist.

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Dieser Eintrag wurde am 16. February 2010 um 17:30 Uhr geschrieben und ist unter gelistet. Sie können alle Einträge über den RSS 2.0 Feed abbonieren. Sie können einen Kommentar posten.


4 Kommentare zu “Service-Dominant Logic: Die Grundidee (Teil 1)”

  1. Grundlagen der Service-dominant Logic schrieb:

    [...] Wirtschaftswissenschaften vollständig zu ersetzen. Dieser Beitrag ist Teil einer Serie. Teil 1: Service-Dominant Logic: Die Grundidee Verwandte Beiträge:Service-Dominant Logic: Die Grundidee (Teil 1)Denial of Service [...]

  2. Schreibregeln nicht nur für Service-Level-Agreements schrieb:

    [...] Herleitung der Formulierungsgrundsätze erfolgt über die Service-Dominant-Logic von Vargo/Lusch (Teil I, Teil II, Teil III) sowie die Forderung nach Vollständigkeit (End-to-End-View) eines IT-Service. [...]

  3. Was ist eigentlich Business-to-Business (B2B)? schrieb:

    [...] sieht diese Begriffe übrigens fälschlicherweise als synonym an. Dahinter steht natürlich eine güter-dominante Logik, denn Dienstleistungen (ich bevorzuge den Begriff Service) werden dabei immer nur als [...]

  4. Zu welcher Marketingstrategie passt Social-Media-Marketing schrieb:

    [...] Konzepte, die bei meinen Überlegungen hereinwirken, sind natürlich wiederum Service Dominant Logic und Co-Creation. Der meines Erachtens zentrale Gedanke der Service Dominant Logic ist, dass es [...]

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