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Demand Generation und Account-based Marketing für B2B-Unternehmen

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ABS vs. ABM: Was Sales-Verantwortliche über das Verhältnis zu Marketing wissen sollten

Startseite » Account-based Selling (ABS) im B2B: Warum das Buying Center über Erfolg entscheidet » ABS vs. ABM: Was Sales-Verantwortliche über das Verhältnis zu Marketing wissen sollten

ABS und ABM werden in der Literatur oft nebeneinandergestellt, als wären sie zwei Etiketten für dieselbe Sache. „Beides ist account-basiert. Beides ergänzt sich. Beide Teams müssen zusammenarbeiten.“ Das stimmt, aber es hilft Sales-Verantwortlichen in der Praxis wenig. Denn die Reibungspunkte sitzen nicht in der Theorie, sondern in der konkreten Zusammenarbeit zwischen zwei Unternehmensbereichen mit eigenen Logiken und Erfolgskriterien.

Dieser Beitrag schaut primär aus Vertriebssicht auf das Verhältnis. Wo Marketing den Vertrieb in Account-basierten Programmen wirklich unterstützt, wo es ihn ausbremst, und welche Mindestbedingungen erfüllt sein müssen, damit ABM und ABS nicht parallel laufen, sondern gemeinsam an einem Strang ziehen. Den allgemeinen Rahmen von Account-based Selling beschreibt der Beitrag zu ABS. Hier geht es um das Verhältnis zur Marketing-Seite.

Was unterscheidet ABS und ABM in Ziel, Taktik und Metrik?

Die Unterschiede zwischen ABS und ABM werden oft auf „Marketing oben im Funnel, Sales unten“ verkürzt. Das ist nicht ganz falsch, aber es verfehlt den Kern. ABM und ABS unterscheiden sich in drei Dimensionen: in ihrem Primärziel, in den eingesetzten Taktiken und in der Art, wie Erfolg gemessen wird, sprich den KPIs.

Ziele: Was wollen beide Seiten erreichen?

Account-based Marketing hilft dabei, relevante Accounts und Stakeholder zu aktivieren und entlang ihrer Customer Journey zu begleiten. Mit anderen Worten: Es ist sozusagen Demand Generation für bestimmte Accounts oder Segmente. Je nach Situation kann dabei neue Nachfrage entstehen, bestehende Nachfrage erfasst oder ein laufender Entscheidungsprozess beschleunigt werden. Den ausführlichen Rahmen dazu beschreibt der Leitfaden zu Account-based Marketing.

Account-based Selling zielt darauf ab, die Dynamiken innerhalb eines Buying Centers sichtbar zu machen, Risiken zu adressieren und den Account durch den Entscheidungsprozess zu begleiten. Ziel ist dabei der Fortschritt im Account.

Knapp formuliert: ABM hilft dabei, Buying-Center-Aktivitäten frühzeitig zu erfassen, die Stakeholder zu aktivieren und über den Entscheidungsprozess hinweg zu begleiten. ABS übernimmt dort, wo diese Erkenntnisse in konkrete Arbeit am Account übersetzt wird.

Taktiken: Wie arbeiten beide Seiten?

ABM setzt auf Kampagnen bzw. Programme, Content und Kanäle, die auf Accounts und ihre typischen Stakeholder zugeschnitten sind: unternehmens- oder segmentspezifische Landingpages, E-Mail-Sequenzen, branchenspezifischer Content, Ads mit Account-Targeting, Events und LinkedIn-Aktivitäten. Die Reichweite wird skaliert (1:many), verstärkt angepasst (1:few), und für Schlüsselaccounts wird sie maximal individualisiert (1:1).

ABS arbeitet auf der Account-Ebene operativ: Recherche des Buying Centers, Discovery-Gespräche, Workshops, Demos, Business-Case-Entwicklung sowie am Ende die Abschlussverhandlung. Es geht nicht um Reichweite, sondern um vertiefte Beziehungen mit dem Ziel des Abschlusses.

Wichtig: Diese Taktiken laufen nicht zeitlich nacheinander („erst ABM, dann ABS“), sondern parallel und ineinandergreifend. Marketing aktiviert und informiert weiter, während der Vertrieb bereits den persönlichen Kontakt hat oder sogar schon verhandelt (natürlich in enger Abstimmung zwischen den Bereichen). Bei Bestandskunden liefert Customer Success zusätzliche Daten, die ABM und ABS gleichzeitig nutzen können.

Metriken: Wie misst man Erfolg?

Hier zeigen sich die Unterschiede am deutlichsten, und hier entsteht in der Praxis deutliche Reibung.

Typische ABM-KPIs:

  • Reichweite in Target Accounts
  • Engagement-Raten (Öffnungen, Klicks, Downloads, Eventteilnahmen)
  • Anzahl aktiver Kontakte pro Account
  • Pipeline-Beitrag aus ABM-Aktivitäten
  • Kampagnenleistung pro Segment

Typische ABS-KPIs:

  • Abdeckung des Buying Centers pro Account
  • Pipeline-Wert und Anzahl Opportunities pro Segment
  • Konversionsraten zwischen Opportunity-Stages
  • Gewonnener Umsatz pro Account
  • Customer Lifetime Value, Renewals und Erweiterungen

Das Problem vieler KPI-Diskussionen: Sie messen Aktivitäten, aber nicht zwangsläufig Fortschritt im Entscheidungsprozess. Hohe Engagement-Werte können genauso gut auf frühe Recherche wie auf konkrete Kaufabsichten hindeuten. Umgekehrt können wenige, aber hochrelevante Interaktionen im Buying Center deutlich wertvoller sein als tausende Klicks des Zielaccounts.

Zur schnellen Orientierung die wichtigsten Unterschiede in einer Übersicht:

DimensionABMABS
PrimärzielRelevanz und Aufmerksamkeit in Target Accounts aufbauen, relevante Inhalte liefern sowie Accounts durch den Entscheidungsprozess begleitenAccounts durch den Entscheidungs- und Vertriebsprozess führen sowie abschließen
ArbeitsebeneSegment, einzelner AccountEinzelner Account und Buying Center
Typische TaktikenKampagnen/Programme, Content, Anpassung an Account oder Segment, Ads, EventsDiscovery, Qualifizierung, Workshops, Verhandlung
ZeithorizontMittel- bis langfristig mit unterschiedlicher Intensität Langfristig (mehrere Monate, je nach Deal)
Anpassung1:many, 1:few, 1:1 (je nach Tier)Vorwiegend 1:1 auf Account- und Stakeholder-Ebene
Kern-KPIsReichweite, Engagement, Pipeline-BeitragAbdeckung Buying Center, Pipeline pro Account, Umsatz, CLV
HauptverantwortungMarketingVertrieb
DatenbasisAccount-Engagement, KampagnendatenAccount-Aktivitäten, Buying-Center-Wissen, Deal-Daten

Das Problem ist weniger, dass beide Seiten unterschiedliche Metriken haben. Das müssen sie auch. Das Problem ist, wenn diese Metriken in getrennten Berichten leben und niemand sie zueinander in Beziehung setzt. Dann kann Marketing eine erfolgreiche Kampagne melden, während im Vertrieb keine Pipeline entsteht. Oder Sales schließt erfolgreich ab, während Marketing seinen Anteil daran nicht sieht (oder auch gar nicht hat). Beide Seiten arbeiten dann in ihrer eigenen Realität – was das übliche Aneinandervorbeiarbeiten der beiden Bereiche repräsentiert.

Die Lösung liegt nicht darin, eine Seite zu zwingen, die Metriken der anderen zu übernehmen. Sie liegt in einer gemeinsamen Account-Sicht, in der beide Metrik-Welten zusammenkommen und in der Informationen hin- und herfließen.

Das gemeinsame Fundament: Ein Modell für ABM und ABS

Marketing und Vertrieb arbeiten in vielen Unternehmen nicht nur in getrennten Teams, sondern mit unterschiedlichen Vorstellungen vom Kunden. Marketing entwickelt Personas, Customer Journeys und ICPs. Vertrieb arbeitet mit Accounts, Opportunities und Erfahrungen aus konkreten Gesprächen. Beide Seiten sprechen über denselben Markt, ziehen aber unterschiedliche Schlüsse. Und in der Regel definiert der Vertrieb die Kundenwelt, aber das Marketing kann diese nur unzureichend übernehmen.

Das Problem wird häufig unterschätzt, weil beide Perspektiven für sich genommen plausibel erscheinen. Marketing sieht Engagement in einem Zielaccount, steigende Interaktionen mit Inhalten oder neue Kontakte im CRM. Das muss doch zu mehr Abschlüssen führen! Vertrieb erlebt dagegen konkrete Gespräche, interne Widerstände im Entscheidungsgremium, wechselnde Prioritäten oder einen Champion, der das Unternehmen mittendrin verlässt. Beide Seiten betrachten dieselbe Realität, aber durch unterschiedliche Modelle.

Genau deshalb scheitern viele Account-basierte Programme nicht an fehlenden Kampagnen oder mangelnder Vertriebsaktivität. Sie scheitern daran, dass es kein gemeinsames Verständnis darüber gibt, wie Kunden Entscheidungen treffen.

Viele Unternehmen versuchen, ihr gemeinsames Kundenverständnis in Workshops zu entwickeln. Das Problem: Workshops erzeugen meist Konsens über bestehende Annahmen, in der Regel solche des Vertriebs. Ein gemeinsames Kundenverständnis entsteht jedoch nicht dadurch, dass Marketing und Vertrieb ihre Annahmen synchronisieren. Es entsteht, wenn beide Seiten ihre Annahmen an realen Kaufentscheidungen überprüfen und sich an diesen ausrichten. Das erklärt auch, warum viele Unternehmen nach einem Persona-Workshop oder ICP-Projekt zwar überzeugt sind, ihre Kunden besser zu verstehen. An den Kampagnen oder der Vertriebsarbeit ändert sich dann kaum etwas und die Workshopinhalte landen ganz schnell in der Schublade. Deshalb sammeln wir keine Meinungen über Kunden, sondern analysieren reale Kaufentscheidungen und sorgen dann dafür, dass die Erkenntnisse in der Organisation verankert werden.

Genau hier liegt häufig der Denkfehler. Viele Unternehmen behandeln Customer Journeys als Content- oder Kampagnenmodell. Genau deshalb unterscheiden sich viele Customer Journeys kaum von Marketing-Funnels. Sie beschreiben, was das Unternehmen senden möchte, nicht was Kunden verstehen, diskutieren oder intern abstimmen müssen. Für Account-basierte Programme sind sie deshalb in erster Linie Entscheidungsmodelle. Wer Customer Journeys nur als Content-Plan betrachtet, beantwortet die Frage: „Welchen Inhalt spielen wir wann aus?“ Wer sie als Entscheidungsmodell betrachtet, beantwortet eine andere Frage: „Welche Unsicherheiten, Risiken und Abstimmungen muss der Kunde als Nächstes bewältigen?“

Wir beginnen bei Win-Loss-Analysen und Customer-Journey-Interviews. Nicht weil diese Methoden moderner wären, sondern weil sie einen Blick auf tatsächliche, aktuelle Entscheidungen ermöglichen. Sie zeigen, welche Motivationen zu Investitionen führen, welche Auslöser Veränderungen angestoßen haben, welche Risiken diskutiert wurden, welche Stakeholder beteiligt waren und warum Projekte vorangekommen, ins Stocken geraten oder gescheitert sind.

Aus diesen Erkenntnissen entstehen Customer Journeys für konkrete Investitionsziele und erfassen die interne Entscheidungsdynamik im Buying Center. Diese Modelle beschreiben nicht, wie das Unternehmen seine Kunden gerne sehen würde, sondern wie Kaufentscheidungen im jeweiligen Segment tatsächlich verlaufen. Erst auf dieser Grundlage können Marketing und Vertrieb gemeinsame Plays entwickeln, Accounts priorisieren und Aktivitäten koordinieren.

ABM und ABS brauchen deshalb mehr als eine gemeinsame Account-Liste oder gemeinsame KPIs. Sie brauchen ein gemeinsames Modell der Kunden, ihrer Entscheidungsprozesse und der Dynamiken im Buying Center. Ohne dieses Fundament optimieren beide Seiten ihre Arbeit, aber nicht dieselbe Realität.

Typische Reibungspunkte aus Sales-Sicht

Sechs Konfliktmuster tauchen in fast jeder Organisation auf, in der ABM und ABS gleichzeitig laufen. Die ersten beiden betreffen die Erwartungshaltung an ABM, die anderen vier das operative Zusammenspiel. Alle sind so vorhersehbar, dass es sich lohnt, sie aktiv zu adressieren, bevor sie auftreten.

„Eine ABM-Aktion reicht“

Ein verbreitetes Missverständnis aus Vertriebsperspektive: ABM wird als Kampagne einmal aufgesetzt, läuft ein paar Wochen und dann besteht die Erwartung, dass sich die Pipeline füllt. Wenn das nicht passiert, gilt das Programm als gescheitert.

ABM ist aber kein Strohfeuer, sondern ein Dauerprogramm. Accounts brauchen mehrfache, gestaffelte Touchpoints über Wochen und Monate. Bevor überhaupt ein verlässliches Bild davon entsteht, dass ein Buying Center aktiv ist, was die internen Themen sind und wo der richtige Hebel ansetzen kann, sind oft mehrere Berührungspunkte/Touch Points erforderlich. Eine einzelne Kampagne erzeugt ein paar Signale, mehr nicht. Erst die Wiederholung über Quartale hinweg erzeugt aus Signalen ein Verständnis über Accounts.

Aus einem Beratungsprojekt: Ein ABM-Programm wurde nach einem Quartal in Frage gestellt, weil die Pipeline-Wirkung ausblieb. Bei näherer Betrachtung zeigte sich, dass die Customer Journey im Segment typischerweise sechs bis neun Monate dauert und einzelne Touchpoints noch gar nicht reif waren. Das Programm hätte funktioniert, wenn die Erwartungshaltung von Anfang an realistisch gewesen wäre. Aber unter Druck verändert sich die Sicht im Vertrieb leider allzu schnell.

Die Lehre: Wer ABM aufsetzt, muss auch durchhalten. Mindestens sechs Monate, eher zwölf, bevor sich ein belastbares Bild ergibt. Sales-Verantwortliche, die diese Geduld vermissen lassen oder nicht durchsetzen können, sollten ABM gar nicht erst starten.

„ABM ist Account-Targeting mit Ads“

Ein zweites Missverständnis zeigt sich oft in Anfragen: ABM wird auf Anzeigenkampagne mit Account-Filter reduziert. „Liefere uns möglichst viele Gespräche aus dieser Account-Liste, über LinkedIn Ads, Display, vielleicht ein bisschen Outbound.“ Das hat mit ABM wenig zu tun, auch wenn die Account-Dimension einfließt. Das ist Account-Targeting über eine Werbeplattform, wobei der Sales dann ohne große Abstimmung und Rückkopplung übernehmen soll.

Richtiges ABM orchestriert mehrere Hebel auf dieselben Accounts: rollenspezifischer Content, gezielte Events, Webinare, persönlicher Outreach, Sales-Aktivitäten und auch Ads als ein Baustein. Auch weil die Entscheidung für die Produkte meistens zu komplex ist, lassen sich die meisten potenziellen Kunden nicht mit ein paar Anzeigen aktivieren.

Der Unterschied wird operativ deutlich: Wer ABM auf ein Ad-Format verkürzt, optimiert auf Cost per Click und Conversion Rate. Wer ABM als Programm versteht, optimiert auf Abdeckung und Engagement im Buying Center, auf Informationsprozesse bei Prospects und auf Pipeline-Wirkung über mehrere Quartale.

Für Marketing- und Sales-Verantwortliche bedeutet das: Wer ein ABM-/ABS-Programm aufsetzt oder beauftragt, sollte prüfen, was darunter verstanden wird. Wenn die Antwort hauptsächlich Ad-Formate und Account-Listen sind, fehlt der eigentliche Hebel.

„Marketing soll liefern, Vertrieb übernimmt“

Das häufigste Muster, gerade in Organisationen mit traditioneller Marketing-Sales-Trennung, zeigt sich in dieser Erwartung: Der Vertrieb sieht im Marketing die Verantwortung für eine Lead-Pipeline, die er einfach weiterbearbeiten kann. Zeit zu investieren und Insights oder Account-Hypothesen einzubringen, wird als überflüssig angesehen.

In einem unserer Beratungsprojekte traf genau diese Erwartung auf ein ABM-Programm zu. Marketing bemühte sich redlich, die priorisierten Accounts mit zugeschnittenen Kampagnen zu aktivieren. Aber der Vertrieb zog sich plötzlich in eine passive Position zurück und brachte kaum Wissen über Stakeholder, Entscheiderkonflikte und konkrete Situationen ein. Zudem fehlten weitgehend die Subject Matter Experts (SME) für die Erstellung relevanten Contents (nein, das kann man sich nicht zusammengoogeln oder von einer KI schreiben lassen). Das Programm lief, aber blieb weit unter Potenzial. Erst als Vertrieb und Marketing in regelmäßige Account-Sessions gingen, bei denen beide Seiten Beobachtungen austauschten und Aktivitäten gemeinsam priorisierten, kam Bewegung in die Accounts.

Die Lehre: Account-basierte Programme sind kein Marketing-Service für den Vertrieb. Sie sind ein gemeinsames Vorgehen, das nur funktioniert, wenn beide Seiten Zeit und Wissen einbringen. Der One-Team-Ansatz, den ABM-Verantwortliche von Snowflake im Buch „Busting Silos“ beschreiben, ist genau die Antwort darauf: Sales, Marketing und Customer Success als gemeinsam verantwortliches Trio, nicht als Liefer- und Empfangsstation.

Doppelte Listen, doppelte Realitäten

Marketing pflegt eine eigene Liste von Target Accounts, Sales arbeitet mit einer anderen. Häufig sind beide Listen historisch gewachsen, nie wirklich abgeglichen und werden von unterschiedlichen Verantwortlichen mit eigenen Kriterien gepflegt. Ergebnis: ABM-Kampagnen laufen für Accounts, die im Vertrieb kein Gewicht haben. Vertrieb investiert Zeit in Accounts, die Marketing nicht aktiviert bzw. bearbeitet.

Lösung: Eine einzige, abgestimmte Account-Liste mit klarer Priorisierung und definierten Verantwortlichkeiten. Nicht „Marketing-Liste plus Sales-Liste plus Schnittmenge“, sondern eine Liste. Wer reinkommt, wer rausfliegt und nach welchen Kriterien wird gemeinsam entschieden.

Widersprüchliche KPIs und Incentives

ABM wird oft an klassischen Marketing-Metriken gemessen (MQLs oder SQLs sowie Pipeline-Beitrag). Sales wird an Umsatz und Abschlussquote gemessen. Wenn ein ABM-Programm an Leads gemessen wird, optimiert Marketing auf Lead-Volumen, auch wenn das für die priorisierten Accounts gar nicht der richtige Hebel ist, da die meistens gar nicht kaufbereit sind. Wenn Sales nur an Quartalsabschlüssen gemessen wird, ignoriert er Accounts mit langem Zyklus, die ABM gerade langsam aktiviert und aufbaut. Eventuell kommt dann der Vertrieb im Vergleich mit dem Wettbewerb zu spät, weil der Fokus woanders lag.

Eine mögliche Lösung sind gemeinsame Kern-KPIs auf Segment- und Account-Ebene, die für beide Seiten relevant sind. Dazu zählen mindestens drei KPIs: Abdeckung bzw. Engagement des Buying Centers, Pipeline und Umsatz pro Account. Diese Maßzahlen ersetzen nicht die bereichsspezifischen Metriken, aber sie zwingen beide Seiten zu einer gemeinsamen Sicht.

Unkoordinierte Taktiken im Account

Das sechste Muster ist taktisch und besonders ärgerlich, weil es nach außen sichtbar wird. Marketing schickt eine Thought-Leadership-Sequenz an einen Account, gleichzeitig startet der Vertrieb eine aggressive Outreach-Kampagne im selben Account. Wenn die Botschaften sich dann widersprechen, bekommen die Stakeholder ein fragmentiertes oder gar widersprüchliches Bild und reagieren irritiert oder gar nicht.

Lösung: Eine schlanke Abstimmung pro Account oder Account-Cluster. Klar sichtbar im CRM, was geplant ist und läuft, plus eine 14-tägige Account-Session für die Top-Accounts, in der Aktivitäten gemeinsam priorisiert werden.

Minimum-Setup für ein gemeinsames Programm

Nach allen Diskussionen über ABS vs. ABM stellt sich die operative Frage: Was muss minimal stehen, damit beide Seiten als One Team arbeiten, ohne daraus ein Großprojekt zu machen und ohne monatelange Workshops als Vorlauf? Es sind vier Bausteine.

Erstens: Eine gemeinsame Account-Liste. Mit Priorisierung und klarer Verantwortung für die Pflege. Alle weiteren Differenzierungen (Tiers, Cluster, 1:1 vs. 1:few vs. 1:many) bauen darauf auf. Wer hier zwei Listen toleriert, kann die folgenden Schritte vergessen.

Zweitens: Ein gemeinsames Segmentmodell. Customer Journeys pro Main Job, abgeleitet aus Win-Loss-Daten und Kundeninterviews. Dieses Modell ist die geteilte Vorstellung vom Kunden, auf der gemeinsame Plays in ABM und ABS aufsetzen.

Drittens: Gemeinsame Kern-KPIs. Mindestens Abdeckung, Engagement und Pipeline-Umsatz pro Account. Beide Seiten sehen diese Zahlen und werden teilweise an ihnen gemessen. Funktionsspezifische Metriken bleiben, aber sie sind nicht mehr die einzigen.

Viertens: Eine schlanke Taktung. Eine 14-tägige Account-Session zu den Top-Accounts, ein monatliches Programm-Review und eine quartalsweise strategische Auswertung. Mehr braucht es am Anfang nicht. Mit diesen vier Bausteinen wird aus „ABS vs. ABM“ ein gemeinsames, account-basiertes Programm.

Fazit: ABS und ABM als Einheit

Die meisten Diskussionen über ABS und ABM drehen sich um Verantwortlichkeiten. Wer macht was? Wer liefert welche Kontakte? Wer bekommt welches Budget?

Diese Diskussion greift zu kurz. In der Praxis haben Account-basierte Programme meist genug Kampagnen und Vertriebsaktivität. Sie scheitern jedoch daran, dass Marketing und Vertrieb unterschiedliche Vorstellungen vom Kunden haben und eine gemeinsame Grundlage zum Verständnis der Kunden fehlt. Solange Marketing in Personas denkt und Vertrieb in Accounts, entstehen zwangsläufig unterschiedliche Prioritäten, Botschaften und Erwartungen.

Der eigentliche Engpass ist also ein gemeinsames Verständnis darüber, wie Kunden Entscheidungen treffen. Erst wenn dieses Modell existiert, können ABM und ABS ihre Wirkung voll entfalten. Deshalb beginnt erfolgreiches ABM mit der Frage, ob Marketing und Vertrieb dasselbe Verständnis davon haben, wie ihre Kunden Entscheidungen treffen. Erst wenn diese Grundlage existiert, werden Account-Listen, Inhalte, Outreach und KPIs zu einem gemeinsamen Programm statt zu parallelen Aktivitäten.

FAQ mit häufigen Fragen zu ABS vs. ABM

1. Was ist der wichtigste Unterschied zwischen ABM und ABS?

Der Kernunterschied liegt im Fokus: Account-Based Marketing ABM richtet Marketingaktivitäten auf eine priorisierte Account-Liste aus, um Relevanz, Aufmerksamkeit und qualifizierte Signale zu erzeugen. ABS steuert, wie der Vertrieb diese Accounts durch den Verkaufsprozess führt: über Buying-Center-Bearbeitung, Discovery, Qualifizierung und Abschluss. Beide arbeiten auf derselben Account-Liste, aber mit unterschiedlichen Taktiken und Zeithorizonten, aber stets abgestimmt untereinander

2. Müssen Unternehmen sich zwischen ABM und ABS entscheiden?

Nein. Die beiden sind keine Alternativen, sondern zwei Dimensionen eines gemeinsamen Programms. Problematisch wird es, wenn beide als getrennte Programme ohne abgestimmte Account-Liste, ohne gemeinsame KPIs und ohne gemeinsame Taktung aufgebaut werden. Dann konkurrieren sie um Budget und Aufmerksamkeit, statt sich zu ergänzen.

3. Wie verhindern wir Kannibalisierung zwischen ABM und ABS?

Vier Hebel: eine gemeinsame Account-Liste mit klarer Priorisierung, ein gemeinsames Segmentmodell als Verständnisbasis, gemeinsame Kern-KPIs auf Account-Ebene und regelmäßige gemeinsame Account-Sessions. Ohne diese Bausteine afrbeiten beide Bereiche praktisch immer gegeneinander, weil beide in ihre eigene Logik abwandern.

4. Welche Rolle spielt Sales Enablement im Zusammenspiel?

Sales Enablement sorgt dafür, dass der Vertrieb die durch ABM erzeugten Chancen tatsächlich nutzen kann, also mit passenden Inhalten, Playbooks, Trainings und Tools. Ohne sauberes Enablement bleibt ein großer Teil der ABM-Wirkung ungenutzt, weil zwar Interesse in den Accounts entsteht, aber keine klaren Materialien und Prozesse vorhanden sind.

5. Wie steigen wir pragmatisch ein, wenn ABM und ABS bei uns getrennt laufen?

Mit dem Minimum-Setup: eine gemeinsame Liste der Top-10- oder Top-20-Accounts, ein erstes geteiltes Segmentmodell aus vorhandenen Win-Loss-Daten oder einer kleinen Kundeninterview-Reihe, drei gemeinsame Kern-KPIs und eine 14-tägige Account-Session. Sechs Monate konsequent durchziehen, evaluieren und dann entscheiden, wie der Ansatz angepasst oder ausgeweitet wird.

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Torsten Herrmann

Geschäftsführender Gesellschafter chain relations GmbH

Torsten Herrmann ist Berater für Neukundengewinnung im B2B und Geschäftsführer von chain relations.
Er verbindet im Marketing Demand Generation, Account-based Marketing, Content Marketing und Sichtbarkeit in KI-Assistenten mit Customer-led Growth und Jobs-to-be-Done – immer entlang echter Customer Journeys.
In der Vertriebsberatung analysiert er, warum Sales gewinnt, verliert oder ein Case versandet, baut darauf Wissen über B2B-Kaufentscheidungen auf und befähigt Vertriebsteams, die Entscheidungsdynamik im Buying Center zu erkennen und die Entscheidungsvorbereitung zu unterstützen.
Seine Arbeit richtet sich vor allem an Software- und SaaS-Anbieter, Beratungsunternehmen sowie die Hightech-Industrie.
Buchautor „Lasst die Kunden kommen", Podcaster, Autor mehrerer Fachbuchbeiträge im Springer-Verlag und Verleger des B2B-Agenda Verlags.

Areas of Expertise: Demand Generation, Account-based Marketing, Content Marketing,Generative Engine Optimization (GEO), Sales Enablement, Buyer Enablement, Win-Loss-Analyse, Buying-Center-Analyse, B2B-Kaufentscheidungen, qualitative Marktforschung, Context Selling, Jobs-to-be-Done, Customer Journey Analyse, Saas Marketing, Professional Services Marketing, Dienstleistungsmarketing
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